Die Angst, die auf den Magen schlägt
Bekennt sich zu ihrer Erkrankung und möchte gleichzeitig Mut machen: Nicole Beisel. Foto: Benjamin KloosHOFHEIM – Es ist eine Krankheit, die kaum einer kennt und von der dennoch viele Menschen betroffen sind: Emetophobie, die Angst, die auf den Magen schlägt. Oft kennen noch nicht einmal die Betroffenen selbst den Namen ihrer Erkrankung. Und dennoch leiden sie darunter.
Wie auch Autorin Nicole Beisel aus Lampertheim-Hofheim, die sich jetzt offen in einem Buch zur Emetophobie bekennt. Einerseits, um selbst besser mit der Erkrankung umgehen zu können, andererseits aber vor allem, um um Hilfe, Verständnis, Akzeptanz, Toleranz und vor allem Mut zu werben, bei Betroffenen selbst aber auch bei deren Angehörigen.
Sie selbst leidet seit ihrer Jugend unter dieser Angststörung, kennt den Namen aber auch erst seit etwa einem Jahr. Unverstanden von Freunden und Familie, kämpft sie sich täglich durch ihr Leben – Hand in Hand mit der Angst.
„Ich habe meine persönliche Situation beschrieben, eigene Ängste, Gefühle und den Umgang mit der Erkrankung. Damit andere Betroffene sehen, dass sie nicht alleine sind, sondern sich ebenfalls dazu bekennen und lernen, die Situation zu akzeptieren und damit umzugehen – und um aktiv ins Leben zurückzufinden. Den Angehörigen der Betroffenen möchte ich die Augen öffnen und zeigen, dass wir uns nicht einfach nur anstellen, sondern dass wir so sind und so empfinden, und auch, dass wir uns nicht dagegen wehren können”, so Nicole Beisel im Gespräch mit dem TIP, wohlwissend, dass auch in ihrem privaten Umfeld die ein oder andere Frage und vielleicht auch negative Bemerkung auftauchen wird. Denn bisher hatte nur ihr engster Familienkreis Kenntnis von der Emetophobie, dennoch wagte sie den mutigen Schritt, sich zu öffnen. „Es ist eine psychische Störung, der man sich bewusst werden muss, die Erkenntnis ist wichtig. Es ist eine Angst die einschränkt. Aber es ist wichtig, dass man sein Leben nicht von der Phobie einschränken lässt: Wer sich ein Kind wünscht, sollte sich seiner Angst stellen so wie ich auch, und nicht auf so etwas großartiges wie ein Kind verzichten. Ich würde mich ärgern, wenn ich das verpasst hätte, und das ist schlimmer als jede Angst.”
In einem sehr offenen, persönlichen und auch emotionalen Gespräch beschrieb Nicole Beisel den Weg ihrer Erkrankung. Vom Beginn im Alter von 18 oder 19 Jahren, als ihr auf einer Party auf einmal schlecht wurde und sie sich ins Auto setzte, aber es nicht besser wurde, mit anschließendem Krankenhausbesuch und der Diagnose Magen-Darm-Grippe, die es aber nicht war, denn außer Übelkeit gab es keine anderen Symptome wie etwa Magenkrämpfe oder Schmerzen. Von dem immer wieder und häufiger wiederkehrenden Gefühl der Übelkeit und Angst, besonders abends, wenn es sich anfühlt, als hätte man einen Ball im Hals. Vom begleitenden Reizdarmsyndrom, welches ebenso wie das Angstgefühl an manchen Tagen stärker und an anderen schwächer war. Von der Phobie, die plötzlich kam und eine ständige Angst vor dem Erbrechen aus dem Nichts heraus herbeiführte, ohne einschneidende Erlebnisse, welche dieses begründen könnten. Von der Angst, der Panik, sich erbrechen zu müssen oder Erbrochenes zu sehen, dem Zittern und der Panik und der Gefahr von Zusammenbrüchen, was gerade mit Blick auf die eigenen Kinder schwierig ist und war. Von der Angst, in solchen Situationen nicht mehr die Kontrolle über sich zu besitzen, die hilflos macht und sie selbst sehr verängstigt. Von den Versuchen, mit diesem Gefühl zu leben, es zu akzeptieren und es dennoch nicht zu können. Und so beschreibt Nicole Beisel besonders schwierige Situation wie rund um die Taufe ihrer Tochter, als ihr Sohn und ihr Mann Magen-Darm-Grippe hatten, was neben der Angst auch zu Selbstvorwürfen führte.
Über Jahre hinweg war Nicole Beisel nahezu jeden Abend schlecht, was sie immer mehr auch mit Tabletten zu bekämpfen versuchte. Abends bliebt sie so lange wach, bis die Müdigkeit die Oberhand über die Angst gewann, was dazu führte, dass kein normales Leben mit Feiern oder Kinobesuchen mehr möglich war. Bis es zu zwei einschneidenden Erlebnissen kam: Durch Zufall sah Nicole Beisel abends im Fernsehen eine Dokumentation über eine Frau, welche die gleichen Symptome hatte. „Ich dachte, sie erzählt von mir, endlich wusste ich, ich bin nicht allein”, erläuterte Nicole Beisel. So konnte sie lernen, zu unterscheiden, ob es wirklich eine Magenkrankheit war oder eben ausschließlich die psychische Angst, sie kam immer mehr ohne Medikamente aus und wurde abends ruhiger. Der zweite Einschnitt kam, als sie in ihrer Arbeit als Korrekturleserin auf den Begriff Emetophobie stieß, die als Angst benannt wurde. So konnte sie recherchieren und mehr über die Erkrankung erfahren, sich in Facebook mit anderen Menschen austauschen und lernen und trainieren, wie man mit der Angst umgehen kann.
Dazu dient auch dieses Buch, das Mut machen soll, und das im Masou-Verlag erschienen ist, sowohl als Taschenbuch als auch als E-Book. Erhältlich ist es unter der ISBN 978-3-944648-50-7. „Vielen Dank an den Verlag, dass er bereit war, dieses für mich und viele andere Menschen wichtige Thema in Buchform zu veröffentlichen”, so Nicole Beisel abschließend. Benjamin Kloos







