„Aufstehen gegen Rassismus“

Das Lampertheimer Bündnis für Demokratie hatte zur Mahnwache eingeladen. Als Mitglied des Bündnisses sprach der frühere Bürgermeister Erich Maier als erster von insgesamt sechs Rednern. Foto: Hannelore Nowacki
LAMPERTHEIM – „Wir stehen zusammen, wir halten zusammen, wir wollen zusammen leben und wir zeigen es, wieder und wieder“. Mit diesen Worten aus einer Rede des Bundespräsidenten beendete der frühere Bürgermeister Erich Maier und Mitglied im Lampertheimer Bündnis für Demokratie seine Ansprache bei der Mahnwache am späten Montagnachmittag. Während die Fastnacht am Rosenmontag vielerorts ihren Höhepunkt erreichte und im kleinen Ort Volkmarsen ein Anschlag auf die Faschingsveranstaltung verübt worden war, hatten sich in Lampertheim in großer Runde Bürger zwischen Rathaus und Brunnen auf dem Europaplatz zur Mahnwache versammelt. Sie waren dem Aufruf des Bündnisses für Demokratie zum gemeinsamen Gedenken an die Opfer des fremdenfeindlichen Terroranschlags in Hanau gefolgt. Den sechs Rednerinnen und Rednern ging es auch darum zu zeigen, dass die Bürger selbst eine Verpflichtung haben, gegen Rassismus aufzustehen und für ein friedliches Miteinander einzutreten. Maier stellte den Zuhörern das Bündnis für Demokratie als Initiative von Vereinen, Parteien, Kirchen, Gewerkschaften und Privatpersonen vor, die es sich zur Aufgabe gemacht habe, „unsere Demokratie zu schützen, zu fördern und gegen extremistisches Gedankengut einzutreten“. Es sei richtig und wichtig gewesen, auch in Lampertheim schnell zu handeln, um der Opfer, neun Menschen mit Migrationshintergrund, zu gedenken. Von einer nicht mehr für möglich gehaltenen Entwicklung sprach Maier mit Blick auf die jüngsten rechtsextremistischen Mordanschläge von Kassel, Halle und nun Hanau. Zu viel Nachlässigkeit gegenüber Neonazis und rechter Gewalt erkennt Maier in dieser Entwicklung, eben auch gegenüber der AfD, die dafür gesorgt habe, dass rassistische und völkische Gedanken wieder salonfähig wurden. Zwei Tage vor Hanau habe Björn Höcke bei Pegida in Dresden vom großen Kampf gesprochen, den man siegreich beenden müsse. Dass ein Ruck durchs Land gehen möge, wünschte sich Maier, um jenes Versprechen nach dem zweiten Weltkrieg einzulösen: „Nie wieder“. Nicht nur mit Argumenten solle „diesen Brandstiftern“ begegnet werden, sondern mit allen Mitteln des Staatsschutzes. Bürgermeister Gottfried Störmer rief dazu auf, in gemeinsamer Verantwortung Solidarität zu zeigen und dass Hass „keinen Platz in unserer Mitte“ hat. Störmer ging der Frage nach „woher kommt das“. Ist das die Entwicklung unserer Gesellschaft, die Verrohung der Sprache? Und „welche Rolle spielen die Politik, die Medien und wir als Bürger?“ Stadtverordnetenvorsteherin Brigitte Stass dankte im Namen aller Parteien dem Bündnis für diese Veranstaltung und den Bürgern für ihre Teilnahme. „Wir haben es in der Hand zu zeigen, dass unser Land offen und bunt ist“, hob Stass hervor. Aber es sei bereits „fünf vor zwölf“. „Was ist zu tun“? Der Schlüssel sei der Dialog, meinte Stass und rief den Zuhörern zu: „Wir dulden in unserem Land und unserer Stadt keinen Fremdenhass“. Dieses Aufstehen dürfe kein Strohfeuer sein, mahnte sie. „Ich bin noch immer geschockt“, bekannte Petra Brandt, Vorsitzende des Behindertenbeirats. In ihrer Rede zitierte sie ein „kleines Gedicht gegen den Rassismus“. Menschen finden die Hautfarbe viel zu wichtig, heißt es darin, und kein Mensch sei gleich. „Rassismus ist für mich keine Meinung“, sagte Brandt, „sondern ein Verbrechen, das tötet“. Auch gegen die sprachlichen Wegbereiter der Gewalt wandte sich Brandt. Das Attentat „hat uns sehr stark betroffen“, sagte Iman Tariq Ahmad Zafar, der den Opfern von Hanau im Namen der Ahmadiyya-Gemeinde sein Beileid aussprach. Diese Gewalt bekämpfe man nicht, wenn Parteien ihre rechte Flanke zu schließen versuchten. In präventive Arbeit müsse viel mehr investiert werden, mahnte der Iman an. Zu Recht habe die Bundeskanzlerin von einem Gift gesprochen, doch „Gott sei Dank“ gebe es ein Gegengift. „Als muslimische Gemeinde ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns für das Wohl und den Fortschritt dieses Landes einsetzen – wir sehen uns als Gestalter unseres Landes“, machte Zafar deutlich. Aus einer Rede des Oberhaupts der Ahmadiyya-Gemeinden, Kalif Mirza Masroor Ahmad, der kürzlich Berlin besuchte, zitierte Zafar: „Die Menschen müssen realisieren, dass Worte weitreichende Konsequenzen haben können – und erkennen, dass wir alle einer menschlichen Spezies angehören“. Pastor Jörg Lüling von der evangelischen Freikirchlichen Gemeinde trat als Sprecher der Stadtökumene ans Mikrofon mit der Frage: „Was kann die Kirche dazu sagen?“ Es gebe diverse Perspektiven auf die Ursachen der Gewalt bis hin zur Auffassung, dass es arme Irre seien, die das machen. Es gelte Zeichen zu setzen mit dem Wort im Herzen Gottes, denn „Gott ist voller Liebe“. Ein stilles Gedenken folgte, nachdem Maier die Namen der Opfer von Hanau verlesen hatte: Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtović, Kalojan Velkov, Vili Viorel Păun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saraçoğlu. Zum Abschluss der Mahnwache spielte Julia Schmidt die ergreifende Meditation Andante religioso für Violine aus der Oper Thaïs von Jules Massenet. Hannelore Nowacki






